Credo me nihil scire

Ich sollte schlafen. Der dreifache Johnny Walker, zuerst wie ein sanfter Schlag gegen den Kopf, hat mich letzten Endes doch aufgeputscht. Vielleicht ist es auch das Spiel, das mich nicht müde werden lässt. Games played: 129. Average Infected killed per hour: 359.42. Infected killed: 11‘981. Nein, da hat es keine Vertipper. Wenn ich die Augen schliesse, blitzen die flackernden Bilder auf. Verzerrte, bleiche Fratzen mit milchig-weissen Augen, strähniges Haar, zerfetze Kleider. Zombies, Horden von Untoten. Sie wogen heran, kreischen, schnappen, schlagen mit ihren verkrümmten Klauen auf mich ein. Schiessen, Kopf weg, zurückziehen, laden, Molotov. Rennen, schiessen, Waffe wechseln, laden, schiessen, direkt auf das Bein, es wird von der Wucht des Schrots abgerissen, Blut spritzt auf den Bildschirm. Nicht, dass mich dieses dem mit diesem Unterhaltungsgenre unvertrauten Leser möglicherweise grauenhaft erscheinende Geschehen wach halten würde. An die Bilder habe ich mich längst gewöhnt. Es ist die Aufregung, der Wettbewerb, die wohl dosierten Adrenalinschübe. Es ist die Ruhe zwischen den Zombiestürmen. Das Spiel ist gut gemacht.

Morgen muss ich arbeiten, aber es ist nicht so, dass meine Arbeit überwacht würde. Ich arbeite in dem Tempo, dass gerade angemessen ist. Manchmal schneller als nötig, manchmal gemütlicher als mir eigentlich möglich wäre. Es gibt noch einiges zu erledigen vor den Festtagen, aber irgendwie muss man sich ja ohnehin beschäftigen. Ist es vielleicht meine Zukunft, die mich wach hält? Die ist eigentlich ganz gut geregelt, zumindest bis zum 31.5.2012, wenn meine frisch ausgestellte Anstellungsverfügung nach 13 Nettomonaten auslaufen wird. Die Monate zwischen den zwei Berufen werde ich auch irgendwie rumzubringen wissen. Ideen sind da, auch wenn ich momentan die nötige Überwindung noch nicht aufbringen mag, die Planung zu konkretisieren.

Es ist eine andere Art von Unruhe, die in meinem Körper kribbelt, mich aufstehen lässt, um Wasser zu trinken, eine halbe Stunde später, um es wieder loszuwerden. Ich wälze mich, Nacht für Nacht, sofern ich nicht betrunken bin, und manchmal auch dann. Wozu? Warum? Wieso? Wofür? Wie lange? Was dann? Allein? Nichts? Für nichts und wieder nichts? Was soll ich hier überhaupt? Und wenn nichts, wie gestalte ich die Verweildauer?

Das Ziel solle es nicht sein, ein Leben mit möglichst vielen Vergnügungen und lustvollen Erfahrungen zu führen, schrieb Schoppenhauer. Man solle sich vielmehr darum bemühen, es möglichst frei von unangenehmen Empfindungen zu halten. Alles andere sei vergebene Mühe, je höher die Erwartungen, desto leichter eintretend und schwerer wiegend die Enttäuschung.

Wirklich? Und was sonst? Wie wird man glücklich? Und mit wem? Mit Philosophen? Mit Frauen? Beide sind ähnlich schwer zu verstehen und ähnlich schwer zugänglich. Bei beiden ist es so, dass man mit den meisten nicht viel anzufangen weiss, zumindest in der Jugend. Und dass man, ebenfalls in diesem Lebensabschnitt, wohl eher die falschen auswählt. Oder doch die, welche gerade gut und richtig gewesen wären? Gibt es Liebe und Wahrheit auf den ersten Blick?

Wie verlässlich, wie wahr ist das Wissen, dass ich über die Welt zu haben glaube? Ist es überhaupt wichtig? Wie relevant ist es, ob die objektive Wirklichkeit und meine Vorstellung von ihr übereinstimmen? Die meisten Menschen kommen auch mit offensichtlichen Diskrepanzen diesbezüglich ganz gut zurecht.

Credo me nihil scire!

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Credo me nihil scire

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