Heinz-Werner Kubitza über Esoterik

Das nachfolgende längere Zitat stammt aus dem Buch „Der Jesuswahn“ (Tectum Verlag Marburg, 2011), welches ohnehin eine Empfehlung wert ist. Die Ausführungen, „wie sich die Christen ihren Gott erschufen“, also über die kontinuierliche Apotheose des jüdischen Wanderpredigers Jesus durch seine posthumen Anhänger in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, sind auch sehr interessant. Für Atheologen eine Pflichtlektüre, für Christen eigentlich sowieso.* Breit geschmunzelt habe ich aber über die, wie ich finde, wirklich äusserst treffende Charakterisierung der Esoterik durch Kubitza:

„Gegen Bares und über den Vermischtes-Teil einer Stadtzeitung kann man bequem am Wochenende (Anreise Freitagnachmittag, Abreise Sonntag nach dem Mittagessen) öffentliche Einweihungen in Geheimlehren und alles das erhalten, was die Welt im Innersten zusammenhält. Was für den armen Faust noch eine unlösbare Lebensfrage war – heute wird seine Frage bequem in ein paar Sitzungen gelöst. Kreditkarten werden akzeptiert.

Ein ganzes Heer von Kursleitern bietet Einweihungen in alle möglichen Techniken und Kenntnisse an. Szenegurus und solche, die es werden wollen, führen ein in eine ganzheitliche Meditation, in das alte Wissen untergegangener Kulturen, beschwören Indien, China, Ägypten, Tibet, Atlantis oder Alpha Centauri, vermitteln Kenntnisse der Maori, der Indianer, Azteken, Kelten, Babylonier, Germanen oder Hildegards von Bingen. Kaballisten und Zahlengläubige enträtseln die Welt, Erleuchtete weihen gegen (natürlich freiwillige) Spende in ein erfüllteres Leben ein, ermöglichen erst eigentlich eine harmonische Existenz, verhelfen zu mehr Selbstbewusstsein. Mitunter geben sie sogar Tipps, wie man kritischer werden kann und nicht mehr auf jeden Unsinn hereinfällt.

Harmonie und Wohlfühlen sind angesagt, das Ego steht völlig im Mittelpunkt, kritische Töne schaden der Stimmung, was man nicht versteht, das erklärt man sich. Goethe hatte in Dichtung und Wahrheit noch bekannt, dass ihm das eigene Ich nicht genüge, er müsse im Kontakt mit der Welt sein, um erkenntnisse zu erlangen. Unsere Spirituellen sind da heute weiter. Meditativ spürt man dem Weltganzen nach und dreht munter seine Runden im Orbit der Selbstbespiegelung. Geister und Gespenster früherer Okkultisten sin dallerdings selten geworden, sie wurden ersetzt durch modern klingende Wörter wie Energie oder Schwingung. Allzeit schwingt irgendetwas bei den Esoterikern, ständig fliesst irgendeine Energie, zeigt sich fortwährend irgendetwas Feinstoffliches, artikuliert sich irgendeine Ganzheitlichkeit. Im Verbund mit Gleichgesinnten berauscht man sich an Begriffen ohne Inhalt, an Worthülsen, die Sinn und Zusammenhang nur vortäuschen, und bestätigt sich in einer Art spirituellem Bekifftsein fortwährend gegenseitig.

Nicht dass geleugnet werden soll, dass Meditatioin oder gewisse Entspannungstechniken sinnvoll sein können oder dass das Reflektieren auf das eigene Ich tatsächlich einen Beitrag zur Sinnfindung bieten kann. Wer wollte das leugnen? Doch zu billig (nicht im monetären Sinne!) ist oft der geistige Überbau, der damit vermittelt wird, zu abstrus die Theorien, die damit einhergehen. Statt Wirklichkeitserkenntnis doch nur Wirklichkeitsflucht, statt Gefühl oft nur Gefühlsduselei. Und es gibt ja nicht nur die Meditation.

Überaus zahlreich sind die Holzwege und Traumbilder einer nach Sinn verlangenden Esoterikszene auf Brigitte-Niveau. Da werden Tote beschworen (modern: Channeling) und vergangene Leben freigelegt. Auren, Chakren und Meridiane, die sich jedem nachvollziehbaren Nachweis entziehen, werden in der Szene wie selbstverständlich vorausgesetzt, Auren nicht nur postuliert, sondern auch gleich geheilt und sogar fotografiert. Wünschelrutengänger und Erdstrahlenjäger streifen durchs Unterholz, Edelsteintherapeuten udn Graphologen bieten halbtags ihre Dineste an. Finanzbeamte und Sekretärinnen, im Nebenberuf Magier und Handleser, versuchen sich in der Zukunftsdeutung. Geprüfte (!) Astrologen grenzen sich zwar von ihren nur noch peinlichen Kollegen im Astro-TV ab, schaffen es aber trotz ihrer Kenntnisse nicht einmal für sich, reich und glücklich zu werden. Tarotgläubige und Ennegrammsüchtige suchen und finden willige Opfer und Adepten. Pendler und Mondgläubuge, Runenleser und Trancetänzer erschliessen neue Wege der Erkenntnis, selbsternannte Hexen und bekennende Satanisten verschrecken friedliche Bürger und den gesunden Menschenverstand gleichermassen. UFO-Gläubige berichten von ihren Entführungen druch Ausserirdische und erwarten alles Heil von Sirius. Lichtnährer wollen sich nur noch von der Sonne ernähren und finden Anhänger unter Magersüchtigen. Yogiflieger versprechen die Freihet von der Schwerkraft und hüpfen herum, Urinschlürfer prosten einem zu.

Es kommen einem da derart skurrile Getalten entgegen, dass man den Eindruck hat, die geschlossene Abteilung habe heute Wandertag. Es scheint nichts zu geben, was man nicht behaupten könnte und wofür sich nicht Anhänger finden liessen. Dabei wird auch alles munter kombiniert und zu einem synkretistischen Brei auf wirklich kleiner Flamme verkocht. Auch Anschauungen, die eigentlich unvereinbar sind, beispielsweise buddhistische Wiedergeburtsvorstellungen und islamischer Sufismus, werden munter vermengt. Letztlich seien das ja alles nur Ausprägungen der einen Wahrheit, werden Nachfragende belehrt.

Was stören schon Widersprüche, wenn die Sache selbst doch so gefühlsecht ist.“

*Für Eilige: Es war einmal ein jüdischer Apokalyptiker, der predigte ein paar ganz nette Dingen neben ein paar weniger netten. Daraus wurde nach und nach, nicht unüblich für die Zeit, ein Gott gebastelt. Die Glaubenssätze und Dogmen der Kirchen sind über grosse Zeiträume hinweg frei zusammengedichtet worden. Es gibt aufgrund der Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung keine intellektuell redliche Möglichkeit mehr, Christ zu sein.

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Heinz-Werner Kubitza über Esoterik

Kommentar zum Buch „John Rawls über Sünde, Glaube und Religion“

Ich habe von meinen Arbeitskollegen zum Abschluss ein Buch geschenkt bekommen. Sie wissen, dass ich mich für Philosophie interessiere, liberale Positionen vertrete und im (a)theologischen Diskurs engagiert bin. Also ist die Auswahl des Buches „Über Sünde, Glaube und Religion“ von John Rawls sicher in bester Absicht erfolgt, trotz des Zitats auf dem Klappentext: „Die Welt ist in ihrem Kern eine Gemeinschaft, eine Gemeinschaft von Schöpfer und Erschaffenen, und sie hat ihren Ursprung in Gott.“

Bei dem Buch handelt es sich um eine posthume Veröffentlichung zweier Texte aus Rawls´ Nachlass: Seiner Bachelor-Abschlussarbeit „Eine kurze Untersuchung über die Bedeutung von Sünde und Glaube: Eine Auslegung anhand des Begriffs der Gemeinschaft“ am Department of Philosophy der Princeton University aus dem Jahr 1942 sowie eines kurzen Textes „Über meine Religion“, datiert auf das Jahr 1997. Rawls Texte sind eingebettet in eine Einleitung, Kommentierungen und ein Nachwort. Der Herausgeber Thomas Nagel stellt in der Einleitung dar, wie eine posthume Veröffentlichung der Texte sorgfältig abgewogen worden sei. Die Bedenken, Rawls hätte einer Veröffentlichung dieser Texte kaum zugestimmt, werden mit dem biographischen Wert und dem Nutzen für die Öffentlichkeit in den Wind geschlagen. Insbesondere auch die ältere Arbeit sei von grosser intellektueller Kraft und offenbarte den moralischen und geistigen Antrieb des jungen Rawls.

Ich habe zuerst den kurzen Text von 1997 gelesen. Darin beschreibt Rawls, wie er im Krieg bis 1945 seinen früheren religiösen Glauben komplett verloren hat. Er entwirft eine Gesellschaft der religiösen Toleranz und des weltanschaulichen Austauschs mit einer von metaphysischen oder theologischen Positionen unabhängigen Vernunftethik als gemeinsamem Fundament.

Bei Rawls Bachelorarbeit, die den Hauptteil des Buches ausmacht, komme ich allerdings nicht über die ersten Seite heraus. Seine erste „grundsätzliche Annahme, um welche sich die gesamte Diskussion drehen wird“ lautet: „(i) Zu Beginn wird angenommen, dass es ein Wesen gibt, das die Christen „Gott“ nennen und das sich im Christus Jesus offenbart hat.“. Kurz darauf wird diese Prämisse noch folgendermassen kommentiert: „Diese Aussagen werden von vornherein gesetzt, weil wir keine Zeit haben, ihre Gültigkeit zu beweisen. […]Der Glaube an die Existenz Gottes ist natürlich nicht im strengen Sinn empirisch. Es gibt Gründe zu glauben, dass Er existiert und dass dieser Glaube nicht bloss Einbildung ist“.

Diese Prämisse, auf welcher die ganze Arbeit aufbaut und von welcher auch seine Begriffe von „Sünde“, „Glaube“ und „Gemeinschaft“ abhängen, teile ich nicht. Aus dem Text von 1997 ergibt sich, dass Rawls sie wenige Jahre nachdem er sie aufgestellt hat, selbst nicht mehr für wahr gehalten hat. Wenn die Prämisse aber fällt, dann kann der Text noch so feingeistig sein – er dreht sich nur noch um sich selbst und seine beliebig definierten Begriffe, aber nicht mehr um die Wirklichkeit. Der Text ist also tatsächlich höchstens noch von biografischem Interesse. Der behauptete „Nutzen für die Öffentlichkeit“ der Veröffentlichung von Rawls‘ Bachelorarbeit hingegen muss, trotz des wohlwollenden Nachwortes von Jürgen Habermas, bezweifelt werden.

Über die Motive, aus welchen der Herausgeber die Schrift Rawls‘ dennoch veröffentlicht hat, kann nur spekuliert werden. Tatsächlich scheint Thomas Nagel – soweit dies mit einer kurzen Internetrecherche eruierbar ist – selbst die eine oder andere eher metaphysiklastige Position zu vertreten. Könnte es sich bei dieser Veröffentlichung tatsächlich um eine Art intellektuelle Leichenfledderei handeln? Der Verdacht liegt nahe – und macht das Buch, trotz allem, bis zu einem gewissen Grad interessant.

Kommentar zum Buch „John Rawls über Sünde, Glaube und Religion“