Kommentar zum Buch „John Rawls über Sünde, Glaube und Religion“

Ich habe von meinen Arbeitskollegen zum Abschluss ein Buch geschenkt bekommen. Sie wissen, dass ich mich für Philosophie interessiere, liberale Positionen vertrete und im (a)theologischen Diskurs engagiert bin. Also ist die Auswahl des Buches „Über Sünde, Glaube und Religion“ von John Rawls sicher in bester Absicht erfolgt, trotz des Zitats auf dem Klappentext: „Die Welt ist in ihrem Kern eine Gemeinschaft, eine Gemeinschaft von Schöpfer und Erschaffenen, und sie hat ihren Ursprung in Gott.“

Bei dem Buch handelt es sich um eine posthume Veröffentlichung zweier Texte aus Rawls´ Nachlass: Seiner Bachelor-Abschlussarbeit „Eine kurze Untersuchung über die Bedeutung von Sünde und Glaube: Eine Auslegung anhand des Begriffs der Gemeinschaft“ am Department of Philosophy der Princeton University aus dem Jahr 1942 sowie eines kurzen Textes „Über meine Religion“, datiert auf das Jahr 1997. Rawls Texte sind eingebettet in eine Einleitung, Kommentierungen und ein Nachwort. Der Herausgeber Thomas Nagel stellt in der Einleitung dar, wie eine posthume Veröffentlichung der Texte sorgfältig abgewogen worden sei. Die Bedenken, Rawls hätte einer Veröffentlichung dieser Texte kaum zugestimmt, werden mit dem biographischen Wert und dem Nutzen für die Öffentlichkeit in den Wind geschlagen. Insbesondere auch die ältere Arbeit sei von grosser intellektueller Kraft und offenbarte den moralischen und geistigen Antrieb des jungen Rawls.

Ich habe zuerst den kurzen Text von 1997 gelesen. Darin beschreibt Rawls, wie er im Krieg bis 1945 seinen früheren religiösen Glauben komplett verloren hat. Er entwirft eine Gesellschaft der religiösen Toleranz und des weltanschaulichen Austauschs mit einer von metaphysischen oder theologischen Positionen unabhängigen Vernunftethik als gemeinsamem Fundament.

Bei Rawls Bachelorarbeit, die den Hauptteil des Buches ausmacht, komme ich allerdings nicht über die ersten Seite heraus. Seine erste „grundsätzliche Annahme, um welche sich die gesamte Diskussion drehen wird“ lautet: „(i) Zu Beginn wird angenommen, dass es ein Wesen gibt, das die Christen „Gott“ nennen und das sich im Christus Jesus offenbart hat.“. Kurz darauf wird diese Prämisse noch folgendermassen kommentiert: „Diese Aussagen werden von vornherein gesetzt, weil wir keine Zeit haben, ihre Gültigkeit zu beweisen. […]Der Glaube an die Existenz Gottes ist natürlich nicht im strengen Sinn empirisch. Es gibt Gründe zu glauben, dass Er existiert und dass dieser Glaube nicht bloss Einbildung ist“.

Diese Prämisse, auf welcher die ganze Arbeit aufbaut und von welcher auch seine Begriffe von „Sünde“, „Glaube“ und „Gemeinschaft“ abhängen, teile ich nicht. Aus dem Text von 1997 ergibt sich, dass Rawls sie wenige Jahre nachdem er sie aufgestellt hat, selbst nicht mehr für wahr gehalten hat. Wenn die Prämisse aber fällt, dann kann der Text noch so feingeistig sein – er dreht sich nur noch um sich selbst und seine beliebig definierten Begriffe, aber nicht mehr um die Wirklichkeit. Der Text ist also tatsächlich höchstens noch von biografischem Interesse. Der behauptete „Nutzen für die Öffentlichkeit“ der Veröffentlichung von Rawls‘ Bachelorarbeit hingegen muss, trotz des wohlwollenden Nachwortes von Jürgen Habermas, bezweifelt werden.

Über die Motive, aus welchen der Herausgeber die Schrift Rawls‘ dennoch veröffentlicht hat, kann nur spekuliert werden. Tatsächlich scheint Thomas Nagel – soweit dies mit einer kurzen Internetrecherche eruierbar ist – selbst die eine oder andere eher metaphysiklastige Position zu vertreten. Könnte es sich bei dieser Veröffentlichung tatsächlich um eine Art intellektuelle Leichenfledderei handeln? Der Verdacht liegt nahe – und macht das Buch, trotz allem, bis zu einem gewissen Grad interessant.

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Kommentar zum Buch „John Rawls über Sünde, Glaube und Religion“

Ein Gedanke zu “Kommentar zum Buch „John Rawls über Sünde, Glaube und Religion“

  1. Ah, der gute Rawls. Immer noch das beste Rezept bei Leuten, welche meinen, Sozialwerke gehörten grundsätzlich abgeschaft: Ein bisschen ‚Urzustand‘, ein bisschen ‚Maximin‘, und nicht selten kommt als Reaktion „So hab ich das noch nie betrachtet“ ;).

    Von Rawls‘ religiösen Ansichten höre ich zum ersten Mal; etwach frech würde ich meinen, dass sich halt jeder und jede die eine oder andere Jugendsünde (hö hö) erlauben darf.
    Der Grund für diese Ausschlachtung Rawls‘ alter Texte ist, würde ich sagen, oft dieselbe: Es lässt sich der ein oder andere Franken/Euro/Dollar damit machen.

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