Eine kritische Anmerkung zu smartspider von smartvote

Heute habe ich als Nationalratskandidat (vgl. letzten Eintrag) ein Profil bei smartvote.ch erstellt. Ich habe smartvote bei vergangenen Wahlen schon als Wähler genutzt und finde es eine gute Sache.
Nachdem ich die Fragen beantwortet habe, hat sich folgender smartspider (so bezeichnet smartvote seine graphische Darstellung des politischen Profils):

Auch wenn der eher tiefen Wert bei „Ausgebauter Sozialstaat“ und der im Vergleich eher hohe Wert bei „Liberale Wirtschaftspolitik“ nicht ganz meinem Selbstbild entsprachen, so macht mich doch am stutzigsten, dass ich bei „Liberale Gesellschaft“ nur  etwa  75/100 Prozentpunkte erziele.

Aus diesem Grund habe ich einen Blick in die Unterlagen von smartvote geworfen, welche erläutern, wie der smartspider anhand des Fragebogens erstellt wird.

Der Achse „Liberale Gesellschaft“ rechnet smartvote folgende Themen zu:

  • Haltung zur freien Gestaltung der persönlichen Lebensform.
  • Haltung zum gesellschaftlichen Umgang mit unerwünschten oder tabuisierten Handlungen.
  • Haltung zu religiösen Fragen und zur Rolle von Religion, Schöpfungslehre und Kirche für Individuum und Staat.

Bei allen (bei mir relevanten) Items gab es vier Antwortmöglichkeiten mit folgenden Punktezahlen:

  • Ja (100 P)
  • Eher ja (75 P)
  • Eher nein (25 P)
  • Nein (0 P)

Bei Fragen, die für die Zustimmung zu einem Themengebiet zu verneinen sind, werden die Punkte umgekehrt vergeben.

Die Punktezahl für maximale Zustimmung erhält man demnach, wenn man die Anzahl Items, welche einen Einfluss auf die gewählte Achse haben, mit 100 multipliziert.

11 Items im Fragebogen sind der Achse „Liberale Gesellschaft“ zugeordnet. Die volle Punktzahl für eine maximale Zustimmung zu der Achse beträgt demnach 1‘100 Punkte.

Nachfolgend jene vier, bei welchen ich im Hinblick auf die Achse „Liberale Gesellschaft“ Punkte eingebüsst habe (Einflüsse auf weiter Achsen sind z.T. vorhanden, aber hier weggelassen):

2 Finden Sie es grundsätzlich richtig, dass der Staat die Fremdbetreuung von Kindern finanziell unterstützt (mit Steuerabzügen oder Subventionen)? Liberale Gesellschaft Positiv
4 Soll zusätzlich zur bestehenden Mutterschaftsversicherung ein 24-wöchiger Elternurlaub („Elternzeit“) eingeführt werden? Liberale Gesellschaft Positiv
29 Eine Volksinitiative möchte die Benachteiligung von Ehepaaren im Vergleich zu anderen Formen des Zusammenlebens bei Steuern und Renten (Heiratsstrafe) abschaffen. Dabei sollen Ehepaare weiterhin als Wirtschaftsgemeinschaft betrachtet werden und ihr Einkommen gemeinsam versteuern (bspw. nach dem „Splitting-Modell“). Unterstützen sie dies? Liberale Gesellschaft Negativ
58 Sollen die Befugnisse der Sicherheitsbehörden zur präventiven Überwachung des Post-, Telefon- und E-Mailverkehrs ausgeweitet werden? Liberale Gesellschaft Negativ

Bei den genannten Items habe ich Punkte für „Liberale Gesellschaft“ verloren, weil ich folgendermassen antwortete:

  • Item 2: Eher ja (-25 Punkte)
  • Item 4: Eher nein (-75 Punkte)
  • Item 29: Ja (-100 Punkte)
  • Item 58: Ja (-100 Punkte)

Dass ich bei Item 58 mit meiner Antwort „Ja“ im Hinblick auf „Liberale Gesellschaft“ Punkte verloren habe, kann ich nachvollziehen, auch wenn es sich aus der smartovteeigenen Zuordnung nicht ergibt.

Die Abschaffung der Heiratsstrafe, nach welcher in Item 29 gefragt wird, könnte diese traditionelle Bindungsform etwas attraktiver machen. Deshalb könnte möglicherweise vertreten werden, dieses Item im negativen Sinne für die gesellschaftsliberale Achse als relevant zu erachten. Ich finde es allerdings etwas weit hergeholt und frage mich, ob wirklich diese Überlegung zu der Zuordnung geführt hat. Ausserdem geht es vorliegend ja bloss um einen Abbau von Diskriminierungen gegenüber dieser (traditionellen) Lebensweise, um sie anderen Formen des Zusammenlebens gleichzustellen. Eine Gleichstellung unterschiedlicher Formen des Zusammenlebens erachte ich aber gerade als Ausdruck von Gesellschaftsliberalismus. Natürlich könnte man auch argumentieren, dass die Lösung nicht weit genug gehe, weil die Ehepaare nach wie vor diskriminiert würden. Allerdings glaube ich nicht, dass smartvote „einen Kompromisschritt in die richtige Richtung“ als Prinzipienverrat wertet.

Die Items 2 und 4 hingegen haben mit der Frage nach einer liberalen Gesellschaftsordnung aus meiner Sicht gar nichts. Es geht in erster Linie um das sozialpolitische Anliegen der Familienförderung. Was an diesem besonders gesellschaftsliberal sein soll, ist mir schleierhaft. Auch anhand der smartvoteeigenen Kriterien lässt es sich dieser Achse nicht nachvollziehbar zuordnen.

Die Analyse hat eine positive und eine negative Seite: Die positive Seite ist, dass ich mich in meinem gesellschaftsliberalen Selbstverständnis nicht ganz so gekränkt fühle, weil ich gewisse der betroffenen Themen im Gegensatz zu smartvote nicht der Achse „Liberale Gesellschaft“ zuordne. Die negative Seite ist, dass ich nun weiss, dass ich gemäss smartvote nicht „etwa 75%“ gesellschaftsliberal bin, sondern bloss 72.7 %.

Wenn man dreist annähme, dass sich die Anzahl kritiserbarer Zuordnungen von den analysierten vier Items extrapolieren liesse, dann verhiesse das für die Aussagekraft der hübschen smartspider-Bildchen nicht gerade viel gutes. Ich gehe davon auch nicht aus. Aber sie sind auf alle Fälle mit skeptischem Blick zu betrachten. Beruhigend, dass die smartspider-Achsen für die effektiven Wahlempfehlungen von smartvote keine Relevanz haben, sondern dort direkt die Fragen gematcht werden.

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Eine kritische Anmerkung zu smartspider von smartvote

2 Gedanken zu “Eine kritische Anmerkung zu smartspider von smartvote

  1. Mir ist beim gesellschaftlichem Liberalismus dasselbe passiert und aufgefallen wie du. Was die restlichen Zuordnungen anbelangt, sind ein paar sehr präzise, andere aber fast mit so grossen Mängeln behaftet wie der Punkt ‚liberale Gesellschaft‘. Und wenn die smartvote-Macher es irgendwann schaffen, dass auch wir Normalsterblichen unseren Smartspider alleine anzeigen lassen können, werde ich darüber bloggen.

  2. […] a) David Herzog: „Wie der Smartspider lügt„ b) Ali Arbia: „Ein Hilfsmittel für die Schweizer Parlamentswahlen 2011„ c) Philippe Wampfler: „[…] Widerstand gegen die Methode Smartvote„ d) Arslibertatis: „Unbeantwortbare Fragen bei smartvote.ch“ und „Die gefährliche Einfachheit der Smartspider„ e) Gwendolan: „Eine kritische Anmerkung zu smartspider von smartvote„ […]

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