Mensch & Tier

[…] Was die einzelnen Menschen angeht, dachte ich mir, dass Gott sie herausgegriffen hat und dass sie selbst daraus erkennen müssen, dass sie eigentlich Tiere sind. Denn jeder Mensch ist ein Zufall und auch die Tiere sind Zufall. Sie haben ein und dasselbe Geschick. Wie diese sterben, so sterben jene. Beide haben ein und denselben Atem. Einen Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es das nicht. Beide sind Windhauch. Beide gehen an ein und denselben Ort. Beide sind aus Staub entstanden, beide kehren zum Staub zurück. Wer weiss, ob der Atem des einzelnen Menschen wirklich nach oben steigt, während der Atem der Tiere ins Erdreich hinabsinkt? So habe ich eingesehen: Es gibt kein Glück, es sei denn, der Mensch kann durch sein Tun Freude gewinnen. Das ist sein Anteil. Wer könnte es ihm ermöglichen, etwas zu geniessen, das erst nach ihm sein wird?[…]

Wenn man den Text liest, könnte man ihn einem deistischen Aufklärer aus dem 17./18. Jahrhundert zuordnen. Oder einem hedonistischen Philosophen. Tatsächlich handelt es sich aber um einen Text aus der Bibel (Kohelet, 3/18 ff.). Es erstaunt mich, dass auch ein solches Menschenbild eingang in dieses Buch gefunden hat. Dass der Mensch als den anderen Tieren gleichartig beschrieben wird, unterscheidet sich stark vom sonst dominanten Menschenbild in der Bibel.  Das Buch ist Flickwerk. Erfrischend, dass sich zwischen dem ganzen Irrsinn auch einmal eine solch unerwartet interessante Passage findet.

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