Mensch & Tier

[…] Was die einzelnen Menschen angeht, dachte ich mir, dass Gott sie herausgegriffen hat und dass sie selbst daraus erkennen müssen, dass sie eigentlich Tiere sind. Denn jeder Mensch ist ein Zufall und auch die Tiere sind Zufall. Sie haben ein und dasselbe Geschick. Wie diese sterben, so sterben jene. Beide haben ein und denselben Atem. Einen Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es das nicht. Beide sind Windhauch. Beide gehen an ein und denselben Ort. Beide sind aus Staub entstanden, beide kehren zum Staub zurück. Wer weiss, ob der Atem des einzelnen Menschen wirklich nach oben steigt, während der Atem der Tiere ins Erdreich hinabsinkt? So habe ich eingesehen: Es gibt kein Glück, es sei denn, der Mensch kann durch sein Tun Freude gewinnen. Das ist sein Anteil. Wer könnte es ihm ermöglichen, etwas zu geniessen, das erst nach ihm sein wird?[…]

Wenn man den Text liest, könnte man ihn einem deistischen Aufklärer aus dem 17./18. Jahrhundert zuordnen. Oder einem hedonistischen Philosophen. Tatsächlich handelt es sich aber um einen Text aus der Bibel (Kohelet, 3/18 ff.). Es erstaunt mich, dass auch ein solches Menschenbild eingang in dieses Buch gefunden hat. Dass der Mensch als den anderen Tieren gleichartig beschrieben wird, unterscheidet sich stark vom sonst dominanten Menschenbild in der Bibel.  Das Buch ist Flickwerk. Erfrischend, dass sich zwischen dem ganzen Irrsinn auch einmal eine solch unerwartet interessante Passage findet.

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Mensch & Tier

The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ*

Philip Pullman bringt anlässlich einer Besprechung seines neuen Buches die Meinungsäusserungsfreiheit auf den Punkt:

Mit dem Vorwurf konfrontiert, der Titel seines neusten Werkes – wo der Sohn Gottes (zumindest einer davon) ein Halunke genannt wird – sei für einen normalen Christen beleidigend, antwortet er:

„It was a shocking thing to say and I knew it was a shocking thing to say. But no one has the right to live without being shocked. No one has the right to spend their life without being offended. Nobody has to read this book. Nobody has to pick it up. Nobody has to open it. And if you open it and read it, you don’t have to like it. And if you read it and you dislike it, you don’t have to remain silent about it. You can write to me, you can complain about it, you can write to the publisher, you can write to the papers, you can write your own book. You can do all those things, but there your rights stop. No one has the right to stop me writing this book. No one has the right to stop it being published, or bought, or sold or read. That’s all I have to say on that subject.“

Der erklärte Atheist Pullman hat bereits in seiner „His dark materials“-Triologie – wenn auch in Metaphern – Kritik an der Institution Kirche zum Ausdruck gebracht. Und nebenbei Fantasy-Literatur auf hohem Niveau geliefert.

Inzwischen habe ich das Buch „The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ“ gelesen, es ist wirklich ziemlich gut. Eine schöne Geschichte, mit rührenden Seiten. Sprachlich wirkt es aufgrund der Anlehnung an den biblischen Erzählstil anfangs naiv, aber das ist natürlich Absicht – und erleichtert ausserdem die englische Lektüre.

Das Buch ist aufgebaut als Nacherzählung der Evangelien – allerdings mit kleineren Abweichungen, welche sich im Laufe der Geschichte zu grösseren Diskrepanzen ausweiten. Das Zustandekommen dieser Abweichungen ist Teil der Geschichte selbst. Letztlich ist es eine Geschichte darüber, wie Geschichten enstehen. Eine gewisse Bibelkenntnis ist bei der Lektüre von Vorteil, ansonsten einem an vielen Stellen wohl das eine oder andere Augenzwinkern des Autors entgeht.

Besonders beeindruckend und gelungen finde ich das Kapitel „Jesus im Garten Gethsemane“, wo Jesus in einem an Gott gerichteten Monolog den Verlust seines Glaubens zum Ausdruck bringt.

Mir persönlich hätte die Geschichte noch besser ohne die Einführung eines (realen) „geheimnisvollen Fremden“ gefallen – sie wäre ganz gut ohne das „Dan-Brown-Element“ ausgekommen. Aber das ist eher ein Detail.

Das Buch ist wirklich ein Kleinod und eine Empfehlung wert.

*Eine ältere Fassung dieses Beitrages wurde bereits in meinem alten Blog veröffentlicht.

The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ*