Bioethischer Diskurs: Das Potentialitätsargument

Ein verbreitetes Argument im bioethischen Diskurs: „Der Embryo ist grundsätzlich ab der Verschmelzung der Keimzellen schutzwürdig, weil er ab dann das Potential für ein menschliches Individuum in sich birgt.“

Ich erwidere: Der Embryo ist nur der Bauplan. Freilich, der Bauplan wird auch eingebaut. Doch die Materie, aus welcher der „potentielle Mensch“ entstehen würde, kommt zu 99.99 %* von ausserhalb des Embryos. Wenn es eine Möglichkeit geben würde, diese Materie zu isolieren** – müsste man sie dann, wenn man das Argument des Potentials gelten lässt, nicht in noch viel grösserem Masse als „potentiellen, individuellen Menschen“ schützen?*** Der Embryo hat nicht das Potential, zu einem menschlichen Individuum heranzuwachsen. Das genannten Argument bietet keine überzeugende Begründung für eine Schutzwürdigkeit von Embryonen.

*Tatsächlich ist das Verhältnis natürlich noch wesentlich krasser:

Die Gesamtzahl der Zellen eines menschlichen Körpers beträgt laut Wikipedia ca. 10 bis 100 Billionen. Selbst wenn man davon ausgehen würde, dass einmal entstandene Körperzellen dauerhaft erhalten blieben (was natürlich nicht der Fall ist), ergäbe das ein Prozentverhältnis, welches noch  ziemlich viele Neunen mehr hinter dem Komma von „99.99“ erforderte.

** Es lässt sich isoloieren: Menschen werden aus den Stoffen zusammengesetzt, welche die Mutter und später die Embryonen bzw. Föten bzw. Kinder bzw. Erwachsene aufnehmen: Nahrung.

***Schutzwürdigkeit der Kartoffel aufgrund des Potentials, zu ein Mensch zu werden?

Bioethischer Diskurs: Das Potentialitätsargument